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Ein Märchen über Selbstvertrauen
Ich schleiche vorsichtig durch das dichte Gestrüpp. Es ist kalt, und ich kann kaum etwas in der Dämmerung erkennen. Oft bleibe ich stehen, blicke mich um. Überall lauert Gefahr. Sie verstecken sich in ihren Verstecken. Oder ist es doch nur ein Schatten?
Auf dem Planeten namens Unsicherheit ist das Leben gefährlich. Täglich wird man mit Herausforderungen konfrontiert. Viele finstere Gestalten leben hier. Sie sind sehr stark – stärker als ich. Und listig – listiger als ich. Viele wollen mich fertig machen, weil ich schwächer bin. Es gibt zwar auch ein paar freundlichere Wesen hier, aber man ist nie sicher. Ich habe mich schon oft geirrt, wenn ich dachte, sie würden mir nichts tun! Und dann – zack! – bekam ich schon einen Schlag ab. Man kann nie vorsichtig genug sein.
Auf meinem Planeten herrscht Diktatur: Die Starken herrschen über die Schwachen. Es hat keinen Sinn, sich zu widersetzen. Ich wäre gern einer der Starken, auch wenn ich sie eigentlich verachte. Lieber stark sein als schwach. Schon als Kind kämpfte ich gegen meine Schwäche. Ich habe mich wirklich bemüht – bis heute. Ich versuche, immer alles richtig zu machen, aber ich bin immer noch ein großer Niemand. Manchmal denke ich, ich sei stark. Das fühlt sich für einen Moment gut an. Dann erinnere ich mich: „Werd nicht übermütig! Schätz dich nicht zu hoch ein, sonst stürzt du nur noch tiefer!“
Damit niemand merkt, wie schwach ich bin, trage ich einen Zauberhut. Zumindest kann ich so tun, als wäre ich stark. Ohne ihn verlasse ich nicht das Haus. Wenn ich ihn trage, denken die Starken, ich gehöre zu ihnen, und lassen mich in Ruhe. Wenn nur nicht diese verfluchte Angst wäre, dass sie mich entlarven! Ich mag mir gar nicht vorstellen, was dann passiert. Schwäche ist hier ein tödliches Vergehen.
Ich hasse mich für meine Schwächen. Und ich hasse die Starken. Natürlich sage ich ihnen das nicht, sonst wäre ich sofort erledigt.
Neben dem Zauberhut habe ich ein paar Überlebensstrategien gelernt. Die sind hier wirklich nötig – schon als Kind habe ich geübt, und jetzt bringe ich sie auch meinen Kindern bei. Die wichtigste: Halte den Mund! Tu, was andere von dir erwarten! Noch besser ist es, wenn du es vorher schon errätst, dann kannst du schneller reagieren. Erkenne die Lage und passe dich an!
Es gibt ein paar Schwache, die aufbegehren. Lächerlich! Die denken, das hätte irgendeinen Sinn. Sie meckern ständig, wegen Kleinigkeiten. Sie sind aggressiv – genau wie die Starken. Aber letztlich geben sowieso die Starken den Ton an.
Neulich las ich in der Zeitung, dass es einen Planeten namens Sicherheit gibt. Dort herrscht eine ganz andere Welt. Angeblich ist es eine Demokratie. Man sagt, die Bewohner dort lieben einander – und nicht nur das, sie lieben auch sich selbst. Ich stelle mir vor: Wenn ich stark wäre, würde ich mich vielleicht auch selbst lieben. Auf dem Planeten Sicherheit lieben die Menschen sich trotz ihrer Schwächen. Wie ist das möglich?
In dem Artikel stand auch, dass die Leute dort oft sehr gut gelaunt sind. Klar, das kann ich mir vorstellen – ich wäre bestimmt auch fröhlicher, wenn ich überzeugt wäre, dass alles in Ordnung ist. Dann wurde dort ein Typ interviewt, und er sagte, dass es bei ihnen zwar auch ein paar fiese Gestalten gäbe, aber die meisten seien okay. Er fühlt sich nicht bedroht, wenn er das Haus verlässt. Der Reporter fragte ihn, ob er auch einen Zauberhut trage, und der Typ meinte, er habe keine Ahnung, was das sei. Unfassbar! Er kennt keinen Zauberhut! Wie geht er dann mit seinen Schwächen um? – fragte der Reporter weiter. Der Mann antwortete, dass das für ihn kein Problem sei. Er arbeite an seinen Schwächen, aber schließlich sei niemand perfekt. Ich dachte mir: Komm doch mal zu uns rüber, dann würdest du den Mund nicht mehr so voll nehmen.
Dann fragte der Reporter, was er tun würde, wenn ihn jemand angreift. Da meinte der Typ, er würde sich verteidigen – wie, das hänge von der Situation ab. Oft reiche es schon, dem Angreifer zu sagen, dass sein Verhalten nicht okay ist. Hahaha, das müsste ich mal ausprobieren! Einem Starken sagen: Hey, das ist nicht okay, was du da machst! Der würde doch denken, ich ticke nicht richtig. Der würde sich schlapp lachen!
Danach erzählte er noch von seinem Leben: Er setze sich Ziele und versuche, sie zu erreichen. Einige habe er schon verwirklicht. Er hat einen guten Job, eine liebe Frau und zwei tolle Kinder. Manche Ziele habe er noch nicht erreicht, aber das sei kein Problem. „Das Problem ist nicht, dass wir hinfallen, sondern wenn wir nicht wieder aufstehen.“ So sagte er. Mann, der hat Nerven! Ich dagegen passe lieber auf, dass ich gar nicht erst falle. Immer schön auf der sicheren Seite bleiben – das hat mein Vater auch immer gesagt. Und dann fügte der Typ noch hinzu, dass er jeden Tag dankbar sei für das, was das Leben ihm schenkt. Na klar, der umarmt bestimmt auch Bäume! Total verrückt!
Am Ende fragte der Reporter noch, was die Voraussetzung sei, um auf seinen Planeten reisen zu dürfen. Der Typ sagte: „Ganz einfach – man muss sich selbst annehmen, wie man ist.“ Echt jetzt? Hält der uns für blöd? Schwerer geht’s wohl kaum!
Stefanie Stahl: So stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl

